Festrede von Uwe Schumacher anläßlich der Ausstellungseröffnung

am 2. April 2006 im Haus Ennepetal


Sehr geehrter Herr Bürgermeister, liebe Frau Gorontzy, verehrte Kunstfreunde!


Haben Sie schon einmal etwas von einer Frau namens Veleda gehört? Ich nehme an, kaum, denn diese Dame hat vor 2000 Jahren wahrscheinlich hier ganz in der Nähe an der Ruhr gelebt, und sie war eine germanische Priesterin vom Stamme der Brukterer. Allerdings verliert sich ihre Spur im Dunkel der Geschichte. 


Trotzdem könnte es sein, daß es den Lateinern unter Ihnen, meine Damen und Herren, ein wenig dämmert, dann immerhin hat sogar der römische Geschichtsschreiber Tacitus von ihr in höchsten Tönen geschwärmt. Naja, geschwärmt mag vielleicht nicht der richtige Ausdruck sein, denn die gute alte Dame war nämlich maßgeblich am großen Aufstand der Bataver beteiligt, der den Römern zwischen den Jahren 69 und 71 nach Christus nicht nur einige Legionen, sondern auch die Kontrolle über das ganze nördliche Germanien gekostet hat. Tacitus hätte also schon allen Grund gehabt, auf sie gewaltig sauer zu sein. War er aber nicht, wenn wir dem glauben dürfen, was er im vierten Kapitel seiner "Historica" über sie geschrieben hat. Vielmehr hat ihn diese Frau irgendwie fasziniert. 


Denn Veleda war eine sogenannte "Seherin", und genau das bedeutet auch ihr Name: Sie, die sieht. Das, was diese Priesterin Veledo so interessant macht, ist natürlich ihre Gabe, mit der sie zum Beispiel in der Lage war, den Untergang der römischen Legionen vorauszusehen. Für die Menschen ihrer Zeit war sie eine Person, an die man sich wandte, wenn man Rat benötigte. Denn Veleda kannte die Menschen und durchschaute sie, ja, sie konnte ihre Seele ergründen und von dieser auf das Schicksal schließen, das der jeweiligen Person ins Gesicht geschrieben stand. 


Warum erzähle ich Ihnen diese Geschichte? Nun, wenn Sie sich hier im Foyer umsehen und die vielen mehr oder weniger offensichtlichen Portraits betrachten, dann ahnen Sie es vielleicht. Auch Britta Gorontzy ist eine "Seherin", und sie sammelt Gesichter. Anstatt aber den Menschen ihr Schicksal aufzuzeigen, mal Britta Gorontzy das Abbild ihres jeweiligen Charakters, der sich in den Gesichtern der Menschen widerspiegelt. Eine ganze solcher "Charakterbilder" finden Sie hier zum Beispiel in der Portraitserie "Der Hofstaat"; die wie ein Schachbrett angeordnet zeigt, welche Funktionen die abgebildeten Persönlichkeiten ausüben würden, wenn sie, sozusagen auf ihr Innerstes konzentriert, in einem derartigen Sozialgefüge agieren müßten. 


Natürlich läßt sich nicht jeder gern in die Seele schauen und manche Menschen fürchten sich gar vor dem verräterischen Bild ihres ureigenen Selbst. Naturvölker hatten bei der ersten Begegnung mit Malern oder Fotografen sogar noch viel tiefegehende Ängste, denn sie glaubten, mit ihrem Konterfei würde der Maler oder Fotograf ihre Seele stehlen. Und doch ist die Fähigkeit oder Gabe, der Seele auf den Grund schauen zu können, zutiefst menschlich. Goethe formulierte dies in einem seiner großen Gedichte so: 


"Warum gabst du uns die tiefen Blicke, unsre Zukunft ahndungsvoll zu schaun, unsre Liebe, unserm Erdenglücke wähnend selig nimmer hinzutraun? Warum gabst uns, Schicksal, die Gefühle, uns einander in das Herz zu sehen, um durch all die seltenen Gewühle unser wahr Verhältnis auszuspähn?"


Tatsächlich erkennen sich auch Leute in Britta Gorontzys Portraits wieder, doch es kommt auch schon mal vor, daß diese dann vor einem Bild stehe, das zeigt, wie sie in 20 Jahren aussehen werden. Aber nicht immer gelingt es unserer Künstlerin, die Persönlichkeit eines Menschen einzufangen, denn, wie sie selbst sagt, "tragen manche eine undurchdringbare Maske, da sieht man nichts..." 


Andere wiederum scheinen, so Britta Gorontzy, "gerade aus berühmten Gemälden herausgefallen" zu sein, denn sie ähneln verblüffend den Darstellungen, die alte Meister vor Hunderten von Jahren gemalt haben. Für Britta Gorontzy ist auch das eine Laune des Schicksals, denn sie ist überzeugt: "Gesichter kehren wieder". 


Aber Britta Gorontzy widmet sich nicht ausschließlich der Malerei. Wie wir eben schon vom Bürgermeister gehört haben, wird ihr Leben fast im gleichen Maße von der Musik bestimmt. Tatsächlich konnte sie sich lange Zeit nicht zwischen beiden entscheiden, und man darf sicher vermuten, daß sie sich immer dann am wohlsten fühlt, wenn sie beide Ausdrucksformen ihrer künstlerischen Seele miteinander verbinden kann. Für eine Konzertreihe in Bremen und Friesland stellte sie den Liederzyklus von Schuberts "Winterreise" in anschaulichen Bildern dar, anhand derer die Betrachter die 24 Stationen der Geschichte, die mit den Liedern erzählt wird, nachempfinden können. Als Franz Schubert im Herbst 1827 diesen Liederzyklus vollendete, war er selbst schon von der an seinem Leben zehrenden Krankheit gezeichnet. Dementsprechend sind die Lieder seiner "Winterreise" von Trauer, Lebensunlust und der Sinnlosigkeit des Daseins geprägt. Tatsächlich starb der Komponist auch nur ein Jahr später, und es ist wahrscheinlich nicht falsch, wenn man vermutet, daß er damit die Erlösung fand, die er während der Arbeit an dem Zyklus über die "Winterreise" herbeigesehnt hat. Als Britta Gorontzy damals die Bilder zu den Liedern dieser Reise in den Tod gemalt hat, war es sicher für alle Musikkenner spannend, herauszufinden, welches Lied zu welchem Bild gehörte. Hier in Ennepetal sind immerhin noch zwei ihrer Werke aus dem aufwühlenden Zyklus vertreten. 


Viele der in dieser Ausstellung gezeigten Werke von Britta Gorontzy sind übrigens auf ihren Reisen entstanden. Am liebsten malt unsere Künstlerin zwar mit Acryl- und Ölfarben, aber häufig beschäftigt sie sich auch mit Aquarellen, daher hat sie praktisch ständig entsprechende Stifte und ein Wasserfläschchen dabei. Wenn sie Landschaften malt, dann kann man in denen oft nicht nur versteckte Gesichter, sondern auch Tiere entdecken, denn Britta Gorontzy liebt Tiere und natürlich auch Fabeln. Wenn sie ihre Bilder verkauft, ist ein Teil des Erlöses stets für den Tierschutz bestimmt, wie zum Beispiel für die Unterstützung der ersten beiden frei lebenden Wolfsrudel, die sich vor einigen Jahren in Sachsen und Brandenburg angesiedelt haben, rund 160 Jahre, nachdem ihre Art in Deutschland ausgerottet wurde. Ihr Bild vom "schlafenden Wolf" vermittelt daher bestimmt nicht rein zufällig den Eindruck eines betont friedlichen Tieres und wendet sich schon optisch gegen die allgemeine, aber völlig falsche Auffassung vom wilden, gefährlichen Raubtier. Ein anderer Favorit ist der Rabe, der in alten Zeiten stets als Unheilsbote gesehen wurde. Ihre größte Leidenschaft aber sind Esel, und natürlich tauchen diese fast immer in ihren Tierbildern auf. Britta Gorontzy mag Esel schon deshalb, weil sie, wie sie sagt, "nicht kriegsdienstverwendungsfähig" sind. 


Die meisten ihrer Portraits, Figuren, Landschaften und auch Tierbilder erscheinen uns auf den ersten Blick hin ein wenig unheimlich, schemenhaft und verhalten, aber sie üben bei näherem Hinsehen eine eigentümliche Faszination, ja sogar eine Art magische Anziehungskraft aus. Dieser Eindruck drängt sich einem schon auf, wenn man die Treppe zum Foyer hinaufgeht und man mit den "drei Hexen" konfrontiert wird. Bei mir löste dieses Bild jedenfalls sofort unwillkürlich eine Assoziation zu Shakespeares "Macbeth" aus: 


"When will we three meet again, in thunder, lightning or in rain? When the hurliburly's done, when the battle's lost or won, that will be ere the set of sun…."

(Wann treffen wir drei wieder zusammen, in Donner, Blitz oder Regen? Wenn das Getöse vorüber ist, wenn die Schlacht verloren oder gewonnen, das wird noch vor dem Sonnenuntergang sein). 


Die drei Gesichter und ihre verschwommen verwobenen Körper scheinen direkt aus dem Nebelhaften zu entstehen, und sie beobachten von fern, was sie Menschen oder ihre Opfer zu tun versuchen, genau wissend, daß alles, was die Sterblichen umtreibt, nur Tand ist. Britta Gorontzy versteht es vortrefflich, das Unsichtbare und Unscheinbare hervorzuheben, ganz im Sinne ihrer schon zu Beginn angesprochenen Gabe, hinter der Fassade unserer vordergründigen, rein optischen Wahrnehmung die Seele des Dargestellten zu ergründen. Dabei gleicht ihr Schaffen einem Spiegel unseres irdischen Seins, oder wie der Barockdichter Andreas Gryphius es in seinem "Ebenbild des Lebens" beschreibt: "Der Mensch, das Spiel der Zeit, spielt weil er allhie lebt im Schauplatz dieser Welt." 


Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. 


Uwe Schumacher 

Link: http://www.klutertverlag.de


"Dein Odem ist schon Hochverrat" (27.04.2005)

"Dein Odem ist schon Hochverrat"

Lesung und Konzert um Heinrich Heine: Quartett machte eine herzerwärmende Reise durchs eisige Deutschland


"Heinrich Heine - Revolutionär mit Blumen und Nachtigallen" war die Kombination aus Lesung und Konzert im Haus Blomendal genannt. Britta Gorontzy (Alt), Michael van Hagen (Bariton), Thomas Ahlhorn (Klavier) und Sprecher Martin Heckmann hefteten sich an die Fersen des Dichters der "Loreley" und machten sich mit ihm auf eine Reise durch "Deutschland". 


Diese Reise nennt Heine "Ein Wintermärchen", denn es sind - politisch jedenfalls - eisige Zeiten, in denen er 1843 nach Jahren des Exils wieder seine Heimat besucht. "Ich werde eure Farben achten und ehren" sagt er mit Blick auf Schwarz-Rot-Gold. Aber nur "wenn sie es verdienen". Denn" Ich liebe dieses Land wie ihr. Wegen dieser Liebe habe ich dreizehn Jahre im Exil verbracht." Er liebt sein Land. Ja. Aber den Herrschenden und dem stumpfsinnig folgenden Michel geht er mit spitzer Feder an den Kragen. 


Martin Heckmann schlüpft von Anbeginn in die Rolle des Dichters und findet sogleich die "ernsten Töne", die jedoch auch bei ihm stets vom "Heiter des Humors überklingelt werden". Er schafft es ohne weiteres, dem Publikum Gelächter über die politischen Zustände von damals zu entlocken, als sei's ein Kabarett von heute. Allein das "Interview" mit Kaiser Barbarossa, der dem Besuch schließlich entgegenhält, daß dessen Rede, dessen "Odem" schon "Hochverrat" ist: Ein Kabinettstück par excellence! 


Ein gewaltiger Trumm, dieses "Wintermärchen". Aber das Quartett steht nun wirklich nicht an, seine Zuhörer über Gebühr zu fordern. Also wird gekürzt. Werden zu spezielle Begebenheiten von damals herausgenommen. Das Ganze also in einem überschaubaren Rahmen gehalten. 


Unterbrochen wird der politische Heine immer wieder vom romantischen Heine. Zum einen zieht sich wie eine idée-fixe das "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten" fein portioniert - mal Solo, mal in Kombination - durch den Vortrag. Im ersten Teil in der Vertonung von Friedrich Silcher, im zweiten in der von Franz Liszt. Zum anderen wird die Reise immer wieder auch von gesonderten Liedern konterkariert. Dort Heine also ironisch bis ätzend, hier derselbe aber liebend und sehnsuchtsvoll, auch vergeblich hoffend. 


Es sind alles Lieder, die "Deutschland" in einem anderen Licht erscheinen lassen: Im ersten Teil aus der "Dichterliebe", vertont von Robert Schumann. Im zweiten dann aus verschiedenen Sammlungen, vertont von Robert Franz, Franz Liszt, Clara Schumann oder Franz Schubert. Man fühlt sich - angenehm - hin- und hergerissen in diesem stimmungsmäßigen Kontrast. 


Dazu tragen besonders auch die Musiker bei, die es einfühlsam verstehen, der Politik mit Romantik zu begegnen. Britta Gorontzy bedient sich dabei eines - nahezu durchweg - sanften Timbres. Und paßt sich damit auch der sanfteren Gangart des Baritons an, der seinerseits allerdings nie Romantik mit Sentimentalität verwechselt. 


Thomas Ahlhorn weiß am Klavier zu überzeugen. Weil er nämlich auf eben diese Stimmung der Sänger eingeht und -als Cembalist von Hause aus - sein Instrument in der Regel sachlicher, zurückgenommener behandelt. Spitzenwert in dieser Gangart erzielt er bei "Ich hab im Traum geweinet" wo er - bescheiden bis zum Geht-nicht-mehr - nur noch Zwischentöne zu füllen hat. Allerdings kann er auch anders: Beim "Atlas" von Franz Schubert erschüttert das Klavier den Saal mit Donnergrollen!


Ob Liebe, Verrat oder - eben - Donnergrollen. Das Publikum quittiert diesen Auftritt des polit-romantischen Heine mit begeistertem Applaus.