Eine bewegte Veranstaltung (10.03.2005)

"Dein Odem ist schon Hochverrat"

Lesung und Konzert um Heinrich Heine: Quartett machte eine herzerwärmende Reise durchs eisige Deutschland


"Heinrich Heine - Revolutionär mit Blumen und Nachtigallen" war die Kombination aus Lesung und Konzert im Haus Blomendal genannt. Britta Gorontzy (Alt), Michael van Hagen (Bariton), Thomas Ahlhorn (Klavier) und Sprecher Martin Heckmann hefteten sich an die Fersen des Dichters der "Loreley" und machten sich mit ihm auf eine Reise durch "Deutschland". 


Diese Reise nennt Heine "Ein Wintermärchen", denn es sind - politisch jedenfalls - eisige Zeiten, in denen er 1843 nach Jahren des Exils wieder seine Heimat besucht. "Ich werde eure Farben achten und ehren" sagt er mit Blick auf Schwarz-Rot-Gold. Aber nur "wenn sie es verdienen". Denn" Ich liebe dieses Land wie ihr. Wegen dieser Liebe habe ich dreizehn Jahre im Exil verbracht." Er liebt sein Land. Ja. Aber den Herrschenden und dem stumpfsinnig folgenden Michel geht er mit spitzer Feder an den Kragen. 


Martin Heckmann schlüpft von Anbeginn in die Rolle des Dichters und findet sogleich die "ernsten Töne", die jedoch auch bei ihm stets vom "Heiter des Humors überklingelt werden". Er schafft es ohne weiteres, dem Publikum Gelächter über die politischen Zustände von damals zu entlocken, als sei's ein Kabarett von heute. Allein das "Interview" mit Kaiser Barbarossa, der dem Besuch schließlich entgegenhält, daß dessen Rede, dessen "Odem" schon "Hochverrat" ist: Ein Kabinettstück par excellence! 


Ein gewaltiger Trumm, dieses "Wintermärchen". Aber das Quartett steht nun wirklich nicht an, seine Zuhörer über Gebühr zu fordern. Also wird gekürzt. Werden zu spezielle Begebenheiten von damals herausgenommen. Das Ganze also in einem überschaubaren Rahmen gehalten. 


Unterbrochen wird der politische Heine immer wieder vom romantischen Heine. Zum einen zieht sich wie eine idée-fixe das "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten" fein portioniert - mal Solo, mal in Kombination - durch den Vortrag. Im ersten Teil in der Vertonung von Friedrich Silcher, im zweiten in der von Franz Liszt. Zum anderen wird die Reise immer wieder auch von gesonderten Liedern konterkariert. Dort Heine also ironisch bis ätzend, hier derselbe aber liebend und sehnsuchtsvoll, auch vergeblich hoffend. 


Es sind alles Lieder, die "Deutschland" in einem anderen Licht erscheinen lassen: Im ersten Teil aus der "Dichterliebe", vertont von Robert Schumann. Im zweiten dann aus verschiedenen Sammlungen, vertont von Robert Franz, Franz Liszt, Clara Schumann oder Franz Schubert. Man fühlt sich - angenehm - hin- und hergerissen in diesem stimmungsmäßigen Kontrast. 


Dazu tragen besonders auch die Musiker bei, die es einfühlsam verstehen, der Politik mit Romantik zu begegnen. Britta Gorontzy bedient sich dabei eines - nahezu durchweg - sanften Timbres. Und paßt sich damit auch der sanfteren Gangart des Baritons an, der seinerseits allerdings nie Romantik mit Sentimentalität verwechselt. 


Thomas Ahlhorn weiß am Klavier zu überzeugen. Weil er nämlich auf eben diese Stimmung der Sänger eingeht und -als Cembalist von Hause aus - sein Instrument in der Regel sachlicher, zurückgenommener behandelt. Spitzenwert in dieser Gangart erzielt er bei "Ich hab im Traum geweinet" wo er - bescheiden bis zum Geht-nicht-mehr - nur noch Zwischentöne zu füllen hat. Allerdings kann er auch anders: Beim "Atlas" von Franz Schubert erschüttert das Klavier den Saal mit Donnergrollen!


Ob Liebe, Verrat oder - eben - Donnergrollen. Das Publikum quittiert diesen Auftritt des polit-romantischen Heine mit begeistertem Applaus. 


Mit Mit Blumen und Nachtigallen (05.04.2005)

"Eine bewegte Veranstaltung"

Malerin und Autorin präsentierten in der Stadtbibliothek Bild und Dichtung


Es waren quasi die "Bilder einer Ausstellung". Nur, daß diesmal Bilder nicht als Inspiration für eine Tondichtung dienten, sondern Teil eines Dialogs zwischen Malerei und Dichtung waren. Malerin Britta Gorontzy und Autorin Ulrike Kleinert hatten sich, so scheint's, gesucht und gefunden. Am Dienstag vergangener Woche stellten sie in der Stadtbibliothek Bremen-West das Ergebnis ihrer Zusammenarbeit vor. 

"Es sind sehr bewegte Bilder", eröffnete Ulrike Kleinert im doppeldeutigen Sinn ihren kleinen Rundgang durch die Ausstellung. "Deswegen ist es auch eine bewegte Veranstaltung." Doch bevor sie sich von Bild zu Bild "bewegt" und jedes für sich dichterisch kommentiert, sei vorher schon ein Blick auf eben diese Bilder getan: Britta Gorontzy ist, so sagt sie von sich selbst, keinem "-ismus" verhaftet. Sie malt stilfrei, unbekümmert, keiner Schule verpflichtet. Es sei denn, man meint in dem Bild "Die Stadt" ihre Liebe zu Feininger zu erkennen - "Ich hüte mich, ihn nachzuahmen" - oder sich bei "Schlafende Hafenstadt" an Chagall zu erinnern. 

Zu Teilen kubistisch, expressiv in Form und Farbe, sind es in der Tat bewegte, bewegende Bilder. Es mangelt wahrlich nicht an kräftigen, zupackenden Momenten. Doch bei aller Bewegtheit, bei allem Druck, bei aller Deutlichkeit: Überall verstecken sich Nuancen oder Stimmungen, die dem kräftigen Pinselstrich eine verblüffend intensive Ruhe abringen. Das gelegentliche Zuviel im Großen wird zur Staffage, zum Rahmen nur für das Kleine, Sinnliche. Das Eigentliche. 

"Das Gerücht": Nun gut. Ein Lästermaul beflüstert ein nach Lästern lechzendes Ohr,. Soweit, so simpel - A. Paul Weber konnte das vielleicht besser. Daneben sieht man aber eine Figur, die vor purer Neugier zu platzen scheint, doch neidisch nur beiseite stehen darf. Und eine nächste, die - weiß sie es, weiß sie es nicht? - schon läuft, um es weiterzutragen, das Gerücht.... Bewegte Bilder also. 

Deswegen auch eine bewegte Veranstaltung. Denn schließlich bewegt sich Ulrike Kleinert entlang der insgesamt neun Bilder. Die Gäste folgen ihr - soweit das auf dem kleinen Raum nötig ist - von Station zu Station. Von Gedicht also zu Gedicht, mit einer kurzen Erzählung zwischendurch. Und so wird jedes Bild kommentiert, ausgeschmückt, erfühlt, ertastet. Manchmal ist es auch nur eine etwaige Annäherung zweier Betrachtungsweisen ein und desselben Gegenstandes. Manchmal scheint der Zufall eines gleich lautenden Teils im Titel Bild und Text zusammengebracht zu haben, wie bei "Schlafende Hafenstadt" und "Hafenrandstraße". 

Dem gemalten Wechsel aus Pomp und Sinnlichkeit tritt Ulrike Kleinert mit auffallend leisen Tönen entgegen. Es ist, als erzähle sie, die hauptberufliche Kindergärtnerin, den ihr anempfohlenen Schützlingen Geschichten: Leise, freundlich, ohne Ironie. Manchmal mit leichtem Spott vielleicht. Doch, bei aller Ruhe und Herzlichkeit, sie gaukelt keine heile Welt herbei. Und während man meint, sie puste nur ein Wehwehchen weg, legt sie doch den Finger in eine tiefe, tiefe Wunde. Der benachbarten "Hafenrandstraße" schreibt sie ruhig, aber bestimmt ins Stammbuch: 

"Aus dem Hafen dampft Fischmehl, hinter den Hinweisschildern kleben Lagerschuppen, an den Spundwänden der kahlen Becken Rost. Kein Schiff läuft mehr vom Stapel. Die Werftarbeiter haben ihre Helme gegen die Wände geworfen. In den neuen Hallen ein minimierter Weltraum tanzt Traum. Zwischen den Parkbuchten blitzen blaue Scherben. Um die Autos pfeift ein träger Wind. Schiffe beladen mit bunten Containern hasten vorbei. Angler sind ausgesperrt - Terrorgefahr! Sonntage, die gähnen. Wenn die Fische sich erholen, grünt die Weser."

Mit dem Barbershop-Ensemble "Sugar'n Spice" kommt nach der dritten Station mit "Mr. Sandman", "Moon River" und "Imagination" auch noch , a capella, Musik ins bewegte Spiel. Was ist Lyrik, was Lied, was Bild? "Da habt ihr euch eine schöne Kombination ausgedacht", meint ein Gast gegen Ende einer bewegten halben Stunde. 


Weser-Kurier, 10.03.2005